Raben haben etwas Besonderes an sich. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihnen bei meinen Wanderungen begegne; teilweise, weil sie mich daran erinnern, dass ich mein übliches urbanes Umfeld verlassen habe und nun an einem Ort bin, wo wilde Sachen vorherrschen.
Ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der der Meinung ist, dass sie etwas Besonderes an sich haben. Raben kommen in der Mythologie und Volkskunde vieler Kulturen vor, nämlich von nordamerikanischen indigenen Völkern bis hin zu alten griechischen und keltischen Legenden. Sie werden als Schöpfer, Zerstörer, Schwindler und Vorbote betrachtet. Sie können all dies sein, weil sie komplex, anpassungsfähig und hochintelligent sind.
Weil sie von meiner Zuneigung für Vögel wissen, machten mich mehrere Bekannte auf eine aktuelle Studie über die Intelligenz von Raben aufmerksam, über die in dem Magazin Scientific American berichtet wurde. Die Studie kam zur Schlussfolgerung, dass "die jungen Raben den erwachsenen Schimpansen in einem Test über ihre allgemeine Intelligenz gleichkommen".
Gelegentlich höre ich mir gerne an, wie klug Raben und ihre Corvid Verwandten sind und beobachte dies auch gerne selbst. Aber solche Studien stören mich irgendwie.
Zunächst stört mich die Einstellung, dass es in Ordnung wäre, Tiere in Käfige einzusperren und Tricks vorführen zu lassen, um ihre Intelligenz zu messen oder ihr Verhalten zu beobachten. Raben sind wilde Tiere, die im Freien leben sollten.Wenn sie sich entscheiden, mit Menschen zu interagieren, wie sie es manchmal tun, ist es die eine Sache. Aber es ist eine völlig andere Sache, sie gegen ihren Willen in Käfige einzusperren, damit ein paar Akademiker ihre Karrieren foranbringen können, indem sie noch einen Artikel veröffentlichen.
Eine weitere Sache, die mich stört, ist, dass Studien dieser Art weiterhin die Idee verbreiten, dass Intelligenz eine einzige Entität ist; eine Sache, die gemessen und quantifiziert werden kann. Diese Vorstellung hat eine lange und schädliche Geschichte. In den 1800er Jahren bestand die Spitzenforschung in diesem Bereich darin, Schädel zu messen und später darin, Gehirne zu messen. Je größer der Schädel, so lautete die Theorie, desto intelligenter müsste der Besitzer des Schädels gewesen sein. Das Messen wurde von weißen Männern vorgenommen und - wer hätte gedacht - es ergab sich, dass weiße Männer die größten Schädel hatten, sodass sie in der Intelligenz-Rangliste ganz vorne standen. Im Gegensatz zu ihnen hatten farbige Menschen - und natürlich Frauen - kleinere Schädel und wurden daher als weniger intelligent betrachtet. Die Messungen von Gehirnen brachten ähnliche Ergebnisse hervor, welches teilweise der regelrechten Falsifizierung und dem Betrug geschuldet ist, wie Stephen Jay Gould in seinem Buch The Mismeasure of Man dokumentiert. Die Gehirn-Quantifizierer kamen anscheinend nicht auf die Idee, ihre Schlussfolgerung über Intelligenz auf Elefanten zu übertragen, deren Gehirne ungefähr 5kg wiegen, oder auf Pottwale mit ihren 7,8kg Gehirnen, während es für den durchschnittlichen erwachsenen Menschen nur 1,5kg betragen.
Im 20. Jahrhundert lag es an Psychologen und Psychometrikern, Intelligenz zu messen. Sie entwickelten den Intelligenzquotienten (IQ), der der menschlichen Intelligenz einen Zahlenwert zuordnet. In den ersten Jahrzehnten der IQ-Messung war viel Rassismus und Frauenfeindlichkeit verwickelt. Nach und nach konnte sich diese Branche davon entfernen. Offenkundige rassistische und frauenfeindliche Meinungen wurden in den schmutzigen Rändern der Branche verschoben. Jedoch bleibt der systematische Rassismus ein unvermeidlicher Teil des Betriebs. Eine weitere Sache, die stets besteht, unabhängig davon, wie oft sie widerlegt wird, ist die Überzeugung, dass Intelligenz quantifiziert und gemessen werden kann. Dasselbe gilt für die Annahme, dass Menschen oder Tiere anhand ihrer Leistungen in Tests, die von Menschen entwickelt wurden, gemäß ihrer Intelligenz eingestuft werden können.
Natürlich gibt es die Intelligenz. Wir können Intelligenz erkennen und schätzen - in Menschen sowie in Tieren. Einige unter uns, mich eingeschlossen, finden Intelligenz sogar erotisch (zugegebenermaßen in Menschen als in Tieren).
Aber es ist ein gravierender Fehler, anzunehmen, dass Intelligenz eine einzelne Entität ist; oder ein Bündel von individuellen Entitäten, die gemessen, quantifiziert und eingestuft werden können.
Wenn es um andere komplizierte, facettenreiche Eigenschaften geht, wie z.B. Literatur, machen wir diesen Fehler eher nicht. Wir würden eventuell der Meinung sein, dass der eine Autor besser als der andere ist, aber nur wenige von uns würden den Unterschied zwischen ihnen quantifizieren und messen. Wir haben weder standardisierte Tests, noch einen Quotienten für gut geschriebene Texte entwickelt. Die meisten von uns würden dies absurd finden. (Falls jemand es doch getan hat, bitte erzählt es mir nicht. Ich würde es nicht ertragen, das zu wissen.)
Rabe, Norris Point, Neufundland, 2015. Foto von Ulli Diemer.
Studien wie die, über die in dem Magazin Scientific American berichtet wird, geben an, die Intelligenz von Raben und Schimpansen zu vergleichen. Ihr Ansatz basiert auf der Annahme, dass Intelligenz eine einzelne Entität ist; eine Sache, die getestet und gemessen werden kann.
Jedoch widerspricht dies grundsätzlich der Natur von Intelligenz. Es gibt viele verschiedene Arten von Intelligenz und jede Art hat wiederum ihre eigenen Aspekte. Das Wetter und Land zu beobachten ist z.B. eine Art von Intelligenz, durch die indigene Völker wichige Entscheidungen treffen, und in herausfordernden und sich verändernden Umgebungen überleben konnten. Ein Musikstück zu lesen, und nicht nur verstehen, was die Noten ausdrücken, sondern auch was der Kern des Musikstücks ist und wie es gespielt werden sollte, ist hingegen eine völlig andere Art von Intelligenz. Es ist noch einmal etwas ganz anderes, der Lösung eines wissenschaftlichen Rätsels näher zu kommen. Wiederum anders ist die emotionale Intelligenz, die benötigt wird, um intuitiv auf sinnvolle Art mit jemandem zu sprechen, der in Sorge ist. Es gibt viele weitere Beispiele, denn Tatsache ist, dass Intelligenz keine einzelne Entität ist, sondern aus einer Reihe von verschiedenen Eigenschaften besteht, die bei verschiedenen Menschen in sich unterscheidendem Ausmaß und in verschiedenen Arten vorkommen. Es ist ein großes Irrtum, anzunehmen, dass diese imaginäre Einheit gemessen und quantifiziert werden könnte.
Ferner ist ein weiteres Irrtum, anzunehmen, dass unsere Vorstellung davon, was Intelligenz ausmacht, auf sinnvolle Weise auf nicht-menschliche Tiere wie Raben übertragen werden kann, indem man sie dazu bewegt, dämliche Tricks vorzuführen, wie z.B. herauszufinden, unter welchem Becher der Leckerbissen versteckt ist. Intelligenz ist Spezies-spezifisch, weil sie sich aus dem Leben selbst entwickelt. Raben demonstrieren ihre Intelligenz, indem sie seit Millionen von Jahren in schwierigen Umgebungen überleben und zurechtkommen. Obwohl das Leben der Raben seine ganz eigenen Bedürfnisse mit sich bringt, meistern sie diese großartig.
Sie sollten in Ruhe gelassen werden, damit sie das tun können, wofür sie geschaffen sind. Sie sollten nicht in Käfige gefangen sein, um Tricks vorzuführen, die den Erbauungen der Menschen dienen.
Und wir Menschen sollten die Intelligenz entwickeln, zu erkennen, was nicht gemessen werden kann, und wann man etwas einfach in Ruhe lässt.
2021.
Originaltext in englischer Sprache. Deutsche Übersetzung von Hamna Takhmir.