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In a Direct Line - Photo von Ulli Diemer

Eine Stimme für die Demokratie

Von Ulli Diemer


In Alexandra Devons Artikel über Abläufe bei Meetings stehen zahlreiche kluge und hilfreiche Dinge. Ich bin allerdings völlig anderer Meinung, wenn sie schreibt, dass das Konsensprinzip der Demokratie zuträglich ist.

Zunächst möchte ich sagen, dass sie meiner Meinung nach die wichtigen Merkmale des Konsensmodells und des demokratischen Modells mit Dingen verwechselt, die mit Meetings allgemein zu tun haben.

So hebt sie zu Recht hervor, dass es wichtig ist „vor der Besprechung ein angenehmes Klima zu schaffen“, „sich Mühe zu geben“ mit neuen Leuten auf der Besprechung „in Kontakt zu treten“, „Gruppenmitgliedern zu vertrauen“, in der Gruppe „ein gemeinsames Wertesystem zu haben“, und zu versuchen „seine Meinung auszusprechen, sie zu erklären, aber sich auch die Meinungen anderer anzuhören und seinen Standpunkt zu ändern, wenn andere ein Argument vortragen, an das man selbst nicht gedacht hat.“ Auf der anderen Seite verweist sie auf die Zerstörungskraft von Meetings, in denen Leute „sich ständig unterbrechen“, „ein paar wenige das Sagen haben“, oder „die ruhigeren Teilnehmer ignoriert werden“.

Dennoch kann man die positiven Dinge nicht auf das Konsensprinzip reduzieren und die negativen auf die Besprechungen, bei denen nach dem demokratischen Modell entschieden wird.

Ich bin mir sicher, dass Alexandra, wenn sie sich ein bisschen umschaut, viele demokratische Gruppen finden wird, in denen es ein gemeinsames Wertemodell gibt, Vertrauen herrscht, neue Teilnehmer freundlich aufgenommen werden, man sich gegenseitig zuhört und offen ist, man aber auch seinen Standpunkt ändert, wenn man neue Argumente in Betracht zieht und wo Entscheidungen normalerweise durch Kompromisse entstehen und nicht mit der Brechstange durchgesetzt werden.

Ich bin mir auch sicher, dass es viele Leute gibt, die bei Konsensmeetings die Erfahrung gemacht haben, dass einige wenige das Sagen haben, dass Leute sich ständig unterbrechen und dass die ruhigeren Teilnehmer ignoriert werden. Ich vermute, dass man an dieser Stelle so argumentieren kann, dass dies kein „wahres“ Konsensprinzip ist. Dann könnte man allerdings genauso sagen, dass demokratische Gruppen, die mit diesen Problemen kämpfen, auch nicht wirklich demokratisch sind.

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Befürworter des Konsensprinzips nicht richtig unterscheiden können zwischen „Konsens“ als Modell, um Entscheidungen zu treffen, und „Konsens“ als Begriff, mit dem man normalerweise „Übereinstimmung“ beschreibt. Konsens im Sinne von „Übereinstimmung“ gibt es überall, wo Entscheidungen getroffen werden. Ich war zweifelsohne schon auf “demokratischen Meetings“, bei denen Konsens im weiteren Sinne angewendet wurde. Da wir uns bei den meisten Dingen einig waren, waren kaum Abstimmungen notwendig. Ich vermute, dass jede Gruppe, in der solche Idealbedingungen herrschen wie Alexandra sie beschrieben hat (Kleingruppen, klare Zielvorstellungen, gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen, Offenheit neuen Vorschlägen gegenüber, etc.), zum Konsens im Sinne von Übereinstimmung kommt. Und das ganz unabhängig davon auf welchem Modell basierend die Gruppen ihre Entscheidungen treffen.

Was meiner Meinung nach wirklich wichtig ist, ist die Frage welcher Entscheidungsprozess bei Gruppen angewendet werden sollte, die nicht so perfekt sind. Gruppen, die mehr Mitglieder haben als in ein Wohnzimmer passen, Gruppen, die sich hinsichtlich ihrer Ziele nicht einig sind, Gruppen, in denen sich die Teilnehmer vielleicht nicht so sympathisch sind, wie man es gerne hätte. Gruppen, in denen manche Mitglieder den Vorschlägen anderer nicht wirklich offen gegenüberstehen. Kurz gesagt Gruppen wie man sie fast überall findet. Was passiert also, wenn manche Leute die Gruppe dominieren und andere unterbrechen, während die ruhigeren Teilnehmer ignoriert werden oder sich nicht trauen, etwas zu sagen?

Was wirklich passiert (sei es nun bei “Konsensgruppen“ oder bei demokratischen Gruppen, die von Alexandra so kritisiert werden) ist, dass diese Probleme nicht angemessen gehandhabt werden. Das führt dazu, dass manche Leute „deprimiert nach Hause gehen“, andere „nach Hause gehen und nicht wiederkommen“ und nur diejenigen, die mit so etwas umgehen können, bleiben.

Wenn Sie keine “Konsensgruppen“ kennen, bei denen genau dies der Fall ist, haben Sie sich nur noch nicht richtig umgeschaut.

Alexandras Lösungsvorschläge sind wirklich hervorragend: Es ist wichtig, eine gute Atmosphäre zu schaffen, einen Zeitrahmen zu setzen, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die noch nichts gesagt haben, auch an die Reihe kommen, daran zu erinnern aus welchen Gründen man eigentlich ein Meeting einberufen hat, und auf die Gefühle und Meinung der anderen zu achten (manch einer ist sogar der Meinung, man sollte die Teilnehme der “Uneinsichtigen“ in Frage stellen). Es gibt keinen Grund, warum diese Vorschläge nicht sowohl in demokratischen Gruppen als auch in „Kondensgruppen“ angwendet werden können.

Tatsache ist, dass demokratische Gruppen mit Problemen, die den Prozess behindern, sogar besser umgehen können, da man dort zu den Leuten sagen kann, die unempfänglich sind und sich nicht einfügen wollen: „Wir denken nicht, dass diese Diskussion oder dieses Verhalten auf irgendeine Weise konstruktiv ist und wir wollen jetzt weitermachen, egal ob du einverstanden bist oder nicht.“ Die Gruppe kann also den Weg gehen, den sich die Mehrheit der Leute wünscht.

Bei Konsensentscheidungen hingegen können die unempfänglichen und halsstarrigen Menschen die gesamte Gruppe auszubremsen. Natürlich können diese idealerweise “beiseite stehen“, oder lernen, sich konstruktiver einzubringen. Was aber tatsächlich in zahlreichen Gruppen geschieht, ist, dass die Gruppe davon abgehalten wird, das zu tun, was ihre Mitglieder eigentlich tun wollen, nämlich zu funktionieren. Und das nur, weil eine oder einige wenige Personen den Konsens blockieren oder die Diskussionen endlos hinauszögern. Die Soziale Bewegung ist übersät mit den “Leichnamen“ von Gruppen, die sich genau aus diesen Gründen aufgelöst haben.

Gleichzeitig führt das Konsensprinzip dazu, dass die ruhigeren Teilnehmer noch ruhiger und regelrecht eingeschüchtert werden, da hier der Zwang, etwas zu sagen, oft viel größer ist als bei demokratischen Entscheidungen. Bei Konsenentscheidungen wissen die Teilnehmer, dass man möglicherweise von denen, die anderer Meinung sind, in Zugzwang gebracht wird und man seinen Standpunkt verteidigen muss.

Das kann für jemanden, der gerade erst den Mut entwickelt, seine Meinung darzulegen, abschreckend sein. Typischerweise werden schüchterne Gruppenmitglieder eher “beiseite stehen“ oder ihre Meinung ändern, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Vermutlich werden sie beim nächsten Meeting auch nichts mehr sagen...Dazu kommt, dass die dominanteren Teilnehmer die Gruppe in eine Richtung drängen können, die vielen nicht gefällt. Dennoch wird niemand “aufbegehren“, da die meisten Angst haben zu sprechen. Genau in diesen Situationen geben demokratische Entscheidungen den schwächeren Mitgliedern mehr Macht, während das Konsensprinzip ihnen Macht entzieht.

Ich gebe Alexandra Recht, dass einige Leute in demokratischen Gruppen „mit Entscheidungen leben müssen, die sie nicht gutheißen (außer es herrscht Einstimmigkeit, was aber selten ist)“. Ob jemand eine gefällte Entscheidung wirklich ablehnt, hängt davon ab, wie sehr derjenige dagegen ist, wie tiefgründig das Thema ist und -vielleicht der wichtigste Punkt- ob die vorhergehende Diskussion die Teilnehmer mit einem guten oder schlechten Gefühl zurück lässt. Aber nach Alexandras eigenen Darstellung kann dies ebenso in einer “Konsensgruppe“ passieren, wo Teilnehmer “beiseite stehen“, um eine Entscheidung zu ermöglichen („was nicht das erhoffte Verhalten ist, womit man aber leben muss“).

Ob „die Gruppe nach einer Meinungsverschiedenheit immer noch zusammenhält und ob nach einem Meeting die Mitglieder (trotz der ganzen Emotionen) sich die Hand reichen und weiterhin respektieren können“, hängt nicht davon ab nach welchem Prinzip die Entscheidung getroffen wurde. Viel wichtiger ist es, ob das Meeting gut gelaufen ist und die Entscheidung Substanz hat.

Wenn allerdings ein oder mehrere Teilnehmer die Wünsche der überwältigenden Mehrheit blockieren können, schadet dies wirklich dem Zusammenhalt der Gruppe. Eine derartige Situation (die häufig bei Konsensentscheidungen entsteht) untergräbt Alexandras Behauptung, dass „Konsens...jeder Person gleiche und vollkommene Macht in der Gruppe verleiht.“ Im Gegenteil: Wenn 100 Gruppenmitglieder etwas wollen und eines dagegen ist, verleiht die Konsensentscheidung einer einzigen Person die ganze Macht und macht alle anderen handlungsunfähig.

Auch in weniger extremen Situationen bin ich der Meinung, dass man in vielen “Konsensgruppen“ ein immer wiederkehrendes Muster findet: Einige wenige haben das Sagen, während der Rest schweigt. Diejenigen, die einen Job oder Kinder haben oder einfach keine “Meeting-Junkies“ sind, gehen frühzeitig. Die Gruppe fällt auseinander und die Übriggebliebenen zwingen ihr wunderbares Modell der nächsten Gruppe auf.

Um mich nicht misszuverstehen: Einige Personen, die ich sehr respektiere und die sehr gute “Meeting-Skills“ haben, favorisieren Konsenentscheidungen und fahren gut damit. Wenn eine Gruppe nur solche Mitglieder hätte, würde das Konsensprinzip funktionieren. Aber in den meisten Gruppen sieht die Zusammensetzung ganz anders aus und meiner Erfahrung können demokratische Gruppen auftretende Probleme besser lösen und somit auch besser funktionieren.

Wenn das Konsensprinzip bei Ihnen funktioniert, ist das gut. Aber ich denke, dass seine Befürworter anderen einen schlechten Dienst erweisen, wenn sie ihnen ein Modell aufzwingen wollen, dass nur unter bestimmten Umständen funktioniert und so viele Leute dazu gebracht hat, sich aus dem sozialen Aktivismus zurückzuziehen.

Veröffentlicht im KIO und im Connexions Digest Band 12, Nummer 1


2011.
Also available in Chinese: One Vote for Democracy.
También disponible en español: Un Voto por la Democracia.
Aussi disponible en français: Un vote pour la démocratie.
Also available in Japanese: One Vote for Democracy.
Also available in Korean: One Vote for Democracy.
Also available in Polish: Jeden Głos na Demokrację.
Also available in Portuguese: Um Voto Para a Democracia.


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Stichwörter: Consensus Decision Making - Consensus Building